Völlig im Hier und Jetzt – Der Wald als Sinnestrainer

In unserem Beitrag zum Spazierengehen haben wir dieses als eine besondere Form der Gegenwärtigkeit betrachtet. Anders als bspw. beim Wandern geht es beim Spazieren nicht darum, ein Ziel zu erreichen, sondern im Moment anzukommen. Schritt für Schritt richtet sich die Aufmerksamkeit auf das, was gerade ist.

Was heißt das jetzt aber konkret?

Wenn wir davon sprechen, „im Hier und Jetzt“ zu sein, ist damit nichts „Geheimnisvolles“ gemeint. Es bedeutet, die eigene Aufmerksamkeit bewusst auf das zu richten, was wir in genau diesem Augenblick wahrnehmen. Das funktioniert im Grund überall, aber kaum ein Ort eignet sich dafür besser als der Wald.

Der Wald ist gewissermaßen ein natürlicher Sinnestrainer. Er fordert keine körperlichen Höchstleistungen. Er misst keine Zeiten, zählt keine Wiederholungen und vergibt auch keine Punkte. Und doch trainiert er etwas, das im Alltag häufig zu kurz kommt: unsere Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen.

Wer einen Wald betritt, taucht sofort in eine Welt voller Sinneseindrücke ein. Da ist einmal der Geruch bspw. von Erde, Holz, Moos, Laub oder harzige Nadelbäume. Je nach Jahreszeit, Wetter und Umgebung verändert sich das Duftbild auch ständig. Wer sich darauf einlässt, bemerkt schnell, dass ein Wald nicht einfach nur „nach Wald“ riecht.

Neben dem Geruch wird auch das Gehör gefordert. Das Rascheln der Blätter im Wind, das Knacken eines Astes, Vogelstimmen aus unterschiedlicher Entfernung oder das Summen kleiner Insekten. Viele dieser Geräusche gehen im Alltag zwischen Verkehrslärm, Musik und Benachrichtigungen unter. Im Wald werden sie wieder hörbar.

Selbst die Haut wird zum Wahrnehmungsorgan. Man spürt die frische Luft im Gesicht, einen leichten Windzug zwischen den Bäumen oder die Wärme von Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach fallen. Mit jedem Schritt über unterschiedliche Untergründe verändert sich auch das körperliche Empfinden. Waldboden fühlt sich anders an als Asphalt.

Wer aufmerksam schaut, entdeckt zudem eine Fülle kleiner Details. Die Strukturen von Baumrinden. Das Adermuster eines Blattes. Verschiedenste Pilze am Wegesrand. Spinnennetze zwischen Zweigen. Das Licht, das durch die Baumkronen fällt und ständig neue Formen zeichnet.

Dabei geschieht etwas sehr Interessantes: Je stärker wir uns auf diese Sinneseindrücke einlassen, desto weniger Raum bleibt für das ständige Kreisen der Gedanken. Typische Sorgen und Ängste vor der Zukunft, Ärger von gestern oder die nächste unangenehme Verpflichtung treten für eine Weile in den Hintergrund.

Unsere Sinne kennen weder Vergangenheit noch Zukunft. Sie arbeiten immer in der Gegenwart. Was wir hören, riechen, sehen oder fühlen, geschieht genau jetzt.

Vielleicht ist der Wald auch deshalb für viele Menschen ein Ort der Erholung. Er besitzt keine magischen Kräfte, sondern er lädt uns ein, wieder wahrzunehmen, was ohnehin ständig um uns herum geschieht.

Der Wald trainiert nicht unsere Muskeln allein.

Er trainiert unsere Aufmerksamkeit.

Und Aufmerksamkeit ist der erste Schritt zurück ins Hier und Jetzt.

Kategorien: Leibesbildung